Es wirkte wie ein Befreiungsschlag, als Ende Dezember 2024 die Tinte unter dem Sanierungskonzept der BayWa AG trocknete. Großaktionäre und Banken sicherten die Finanzierung bis 2027. Die Insolvenz schien abgewendet, die Restrukturierung eingeleitet.
Doch diese Hoffnung basierte auf einer fundamentalen Fehlkalkulation der geopolitischen Realität. Das Schicksal des Konzerns hängt disproportional an der Tochtergesellschaft BayWa r.e., dem Arm für erneuerbare Energien. Und genau dieses Standbein wird derzeit durch eine externe Kraft zertrümmert, die im Münchner Hauptquartier wohl unterschätzt wurde.

US-Präsident Donald Trump hat mit seiner aggressiven Energiepolitik die Marktbedingungen radikal verändert. Für die BayWa r.e., deren wichtigster Absatzmarkt die USA sind, gleicht dies einem ökonomischen Worst-Case-Szenario.
Donald Trumps "OBBBA"-Gesetz entwertet das US-Portfolio der BayWa r.e. massiv
Der Hebel der Zerstörung trägt den Namen "One Big Beautiful Bill" (OBBBA). Dieses am 4. Juli 2025 unterzeichnete Gesetzespaket markiert eine Kehrtwende in der US-Energiepolitik: Weg von Wind und Solar, hin zu fossilen Brennstoffen und Kernkraft.
Die direkten Folgen sind fatal: Steueranreize für erneuerbare Energien werden gestrichen, ganze Projektpipelines per Dekret für 90 Tage gestoppt. Da die USA im Geschäftsjahr 2024 mit 534,7 Megawatt (MW) verkaufter Leistung der wichtigste Markt für die BayWa r.e. waren, trifft diese regulatorische Vollbremsung das Unternehmen ins Mark.
Projekte, die als "Vorratsvermögen" in den Büchern stehen, müssen nun unter völlig neuen Parametern bewertet werden. Die Prämisse, diese Assets gewinnbringend zu veräußern, ist unter der OBBBA-Doktrin hinfällig geworden. Der Markt für Green Energy Assets in den USA ist faktisch eingefroren.
Die erzwungene IPP-Strategie und hohe Zinsen führen zur Implosion der Margen
Das Problem der BayWa ist struktureller Natur: Ursprünglich als Projektentwickler gestartet, wurde die Tochter BayWa r.e. unfreiwillig zum Independent Power Producer (IPP). Das bedeutet, sie betreibt Anlagen selbst, weil sie am Markt keine Käufer fand.

Diese "Notlösung" bindet massiv Kapital und treibt die Verschuldung. In einem Umfeld, in dem institutionelle Investoren risikolose 3 Prozent Rendite mit Staatsanleihen erzielen, sind die Renditeanforderungen an Windparks drastisch gestiegen. Veraltete Anlagen, geplant in der Niedrigzinsphase, sind heute kaum noch profitabel veräußerbar.
Bereits 2024 mussten 367,5 Millionen Euro außerplanmäßig abgeschrieben werden. Der Halbjahresbericht 2025 bestätigte einen "deutlichen Margenrückgang" durch vorgezogene Notverkäufe zur Liquiditätssicherung. Die BayWa verbrennt Substanz, um kurzfristig zahlungsfähig zu bleiben.
Die massiven Wertberichtigungen der Konkurrenz signalisieren einen unvermeidbaren Abschreibungsbedarf
Ein Blick auf die Peer-Group zeigt, was der BayWa r.e. im Jahresabschluss bevorsteht. Der Marktführer Orsted (Dänemark) musste im August 2025 eine halbe Milliarde Euro abschreiben. Equinor (Norwegen) korrigierte den Wert seiner US-Projekte um 814 Millionen Euro nach unten.
Auch die Öl-Multis BP und Shell ziehen sich aus dem Sektor zurück; allein BP erwartet Abschreibungen von bis zu fünf Milliarden Dollar. Es ist ökonomisch naiv anzunehmen, dass die BayWa r.e. als einziger Akteur von dieser Entwertungswelle verschont bleibt.
Wenn Marktgrößen mit soliderer Kapitalbasis kapitulieren, steht die hochverschuldete BayWa vor einem existenzbedrohenden Bewertungsschock. Ein Sprecher verwies lediglich auf die noch ausstehenden Jahresabschlussarbeiten – eine Galgenfrist.
Die Liquiditätskrise droht durch Covenant-Brüche bei Kreditverträgen erneut zu eskalieren
Die Kette der Kausalität ist gnadenlos: Sinken die Bewertungen der Wind- und Solarparks durch Trumps Politik und das Zinsumfeld, schrumpft das Eigenkapital der BayWa r.e. und damit des Gesamtkonzerns.
Dies führt zwangsläufig zum Bruch von Covenants (Kreditklauseln) hinsichtlich der Eigenkapitalquote. Banken könnten Kredite fällig stellen oder Konditionen verschlechtern. Der mühsam ausgehandelte Sanierungsplan bis 2027 basiert auf Annahmen, die durch die Realität in den USA überholt wurden.
Es ist daher hochwahrscheinlich, dass die BayWa r.e. das Jahr 2025 mit tiefroten Zahlen abschließt und den Mutterkonzern erneut in eine akute Liquiditätskrise stürzt. Die Rettung ist nicht gesichert, sie steht auf einem Fundament, das gerade wegbricht.



