Das Herz des Schweizer Finanzplatzes schlägt derzeit in einem beunruhigenden Rhythmus. Während die geopolitischen Erschütterungen im Nahen Osten die Weltwirtschaft in Atem halten, steht Bjørn Sibbern, der CEO der SIX Group, vor den Trümmern eines Geschäftsjahres, das eigentlich die große Wende einleiten sollte. Die Zahlen, die der Betreiber der Börsen in Zürich und Madrid am Dienstag präsentieren musste, gleichen einer finanziellen Kernschmelze: Ein Verlust von 314 Millionen Schweizer Franken klafft in der Bilanz für 2025.

Verantwortlich für dieses Debakel ist vor allem ein massiver Wertberichtigungsschlag in Höhe von 561 Millionen Franken, der das Erbe der Beteiligung am französischen Zahlungsdienstleister Worldline SA wie ein Mühlstein nach unten zieht. Doch wer glaubt, dass Sibbern angesichts dieses Millionen-Grabs und der heraufziehenden Kriegswolken am Golf die Segel streicht, der irrt gewaltig. In den gläsernen Fluren der Zürcher Börse herrscht ein Zweckoptimismus, der fast schon trotzig wirkt.
Der Iran-Krieg schickt die Hoffnung auf das große Börsenbeben in die Warteschleife
Die Realität auf dem Parkett ist derzeit jedoch ernüchternd. Kein einziger Börsengang (IPO) wurde im Jahr 2026 bisher in Zürich oder Madrid verzeichnet. Die Unsicherheit ist greifbar, die Volatilität wirkt wie ein Gift für mutige Investoren. „Wir sehen keine IPOs, die sich komplett aus dem Markt zurückziehen, aber natürlich sieht man bei Unsicherheiten manchmal Verzögerungen“, erklärte Sibbern in einem Interview, während er versuchte, die Nervosität der Märkte zu beruhigen.
Es ist eine rhetorische Gratwanderung. Auf der einen Seite stehen Unternehmen wie der Software-Riese Visma oder der Reisedienstleister Loveholidays, die ihre Pläne für den Gang an die Öffentlichkeit angesichts der drohenden Eskalation im Iran vorerst beerdigt oder weit nach hinten verschoben haben. Auf der anderen Seite klammert sich die SIX an die Hoffnung, dass die Pipeline nicht versiegt, sondern lediglich verstopft ist. Der CEO bleibt dabei: Das Jahr 2026 könnte besser werden als das Vorjahr – eine gewagte These in Zeiten, in denen europäische Benchmarks gefährlich nahe an Korrekturzonen manövrieren.
Rüstungsaktien werden in der Stunde der Not zum Rettungsanker des Finanzplatzes
Interessanterweise zeigt sich in dieser Krise ein zynisches Muster der Kapitalallokation. Während zivile Branchen vor Schreck erstarren, feiern Unternehmen mit Bezug zur Verteidigungsindustrie eine wahre Renaissance auf dem Parkett. Firmen wie die Vincorion SE und die Gabler Group AG haben in den vergangenen Wochen erfolgreich ihre IPOs durchgezogen. Es ist die Stunde der Profiteure des Konflikts, die den totalen Stillstand der Börsenneulinge verhindern.
Sibbern beobachtet diese Entwicklung mit kühler Analyse. Für ihn ist die Gesundheit der Pipeline das entscheidende Kriterium, nicht unbedingt die moralische Färbung der Emittenten. „Wir sind im Vergleich zum letzten Jahr etwas optimistischer“, so der SIX-Chef. „In der Schweiz haben wir eine starke und gesunde Pipeline, aber die Marktgegebenheiten werden in den nächsten Monaten zeigen, wie es sich entwickelt.“ Es ist ein Spiel auf Zeit, bei dem jede Nachricht vom Kriegsschauplatz den Kurs der nächsten Milliarden-Listings bestimmt.
Ein verlorenes Jahrzehnt droht den Ruf der Schweizer Börse dauerhaft zu beschädigen
Die nackten Zahlen der Vergangenheit zeichnen jedoch ein düsteres Bild, das den Optimismus der Führungsetage Lügen straft. Im Jahr 2025 wagten gerade einmal vier Unternehmen den Sprung an die Börsen in der Schweiz und Spanien. Mit einem Gesamtvolumen von 2,63 Milliarden Dollar lag das Ergebnis weit unter dem Zehnjahresdurchschnitt. Schlimmer noch für das Vertrauen der Anleger: Diese Neuzugänge werden gewichtet nach Unternehmensgröße aktuell rund 37 Prozent unter ihrem Ausgabepreis gehandelt.

Dieser Wertverfall ist ein Alarmsignal für jeden Investor. Wer in den letzten Jahren auf Schweizer IPOs setzte, hat im Schnitt massiv Geld verbrannt. Sibbern muss nun beweisen, dass die kommenden Kandidaten eine andere Qualität aufweisen. Unter den Namen, die hinter verschlossenen Türen für ein Listing in Zürich noch in diesem Jahr gehandelt werden, sticht besonders der Catering-Riese Gategroup Holding AG hervor. Auch der Agrarchemie-Gigant Syngenta Group bleibt ein heißes Eisen, wobei hier ein Dual-Listing mit Hongkong im Raum steht – ein Schritt, der die Bedeutung des Standorts Zürich schwächen könnte.
Das Worldline-Debakel hinterlässt eine tiefe Narbe in der Bilanz der SIX Group
Doch über allen Zukunftsplänen schwebt der Schatten der Vergangenheit. Das Engagement bei Worldline SA hat sich für die SIX zu einem strategischen Albtraum entwickelt. Die Abschreibung von über einer halben Milliarde Franken ist nicht nur eine buchhalterische Korrektur, sondern das Eingeständnis einer kolossalen Fehlkalkulation im Zahlungsverkehrsmarkt. Es schränkt den finanziellen Spielraum der Börse in einer Phase ein, in der sie eigentlich Stärke zeigen müsste, um neue Emittenten anzulocken.
Der Iran-Krieg wirkt hier wie ein Brandbeschleuniger. Wenn die Märkte instabil bleiben, sinken die Handelsvolumina und damit die Einnahmen der SIX, während gleichzeitig die Chancen auf lukrative IPO-Gebühren schwinden. Sibberns Strategie gleicht einem Hochseilakt ohne Netz: Er setzt alles darauf, dass die geopolitische Lage sich stabilisiert, bevor die Pipeline-Kandidaten endgültig das Interesse verlieren oder von privaten Investoren geschluckt werden. Die kommenden Monate werden zeigen, ob sein Optimismus auf Substanz gründet oder ob er lediglich den Takt auf der sinkenden Titanic vorgibt.
Am Ende wird der Erfolg der SIX Group nicht an den wohlformulierten Interviews ihres CEOs gemessen werden, sondern an der harten Währung neuer Listings. Sollte das Fenster für IPOs aufgrund des Konflikts im Nahen Osten dauerhaft geschlossen bleiben, droht dem Finanzplatz Zürich eine Epoche der Bedeutungslosigkeit, die weit über das aktuelle Krisenjahr hinausreicht.



