Vergessen Sie Tech-Aktien, vergessen Sie Gold. Die brutalste Rendite findet derzeit dort statt, wo jahrelang nur verbrannte Erde war.
Venezuela-Anleihen waren für die meisten Investoren nur noch ein wertloser Buchungsposten, eine Erinnerung an gescheiterte Staatswirtschaft. Doch seit die USA Nicolás Maduro festgenommen haben, dreht der Markt durch.
Innerhalb weniger Stunden schossen die Kurse der Staatsanleihen und der Papiere des Ölkonzerns PDVSA um rund 25 Prozent nach oben. Was wir hier sehen, ist keine normale Marktbewegung.
Es ist die aggressivste Wette auf eine politische Wende, die der Anleihemarkt seit Jahrzehnten gesehen hat.
Die Sanktionspolitik der USA hat eine künstliche Marktverzerrung geschaffen
Um die Dynamik zu verstehen, muss man die Mechanik des Ausfalls kennen. Venezuela war nie im klassischen Sinne pleite. Das Land verfügt über die größten Ölreserven der Welt.
Es waren die US-Sanktionen ab 2017, die den Geldfluss abschnitten. US-Investoren durften die Papiere weder kaufen noch handeln. Der Markt trocknete aus, die Kurse fielen 2020 auf absurde zehn Cent pro Dollar Nennwert.
Für europäische und asiatische Fondsmanager, die nicht unter das US-Handelsverbot fielen, öffnete sich ein Zeitfenster historischer Dimension. Sie konnten Assets einsammeln, die fundamental unterbewertet waren, nur weil der wichtigste Käufermarkt – die USA – ausgesperrt war.
Jetzt fällt diese Barriere. Die Festnahme Maduros wird vom Markt als Startschuss für eine Normalisierung der Beziehungen und eine Aufhebung der Sanktionen interpretiert.
Mutige Fondsmanager hebeln ihre Performance mit Null-Bewertungen
Der eigentliche Rendite-Turbo liegt in der Bilanzierung. Viele Fonds haben ihre Venezuela-Positionen konservativ mit Null bewertet. Sie stehen als Totalausfall in den Büchern.
Jeder Cent Kursgewinn schlägt damit direkt und ungebremst auf die Performance durch. Jean-Jacques Durand von Gecko Capital hat genau darauf spekuliert. Sein Fonds 'Manaukea Emerging Markets Debt Recovery' erzielte im vergangenen Jahr ein Plus von 26 Prozent.

Durands Kalkül ist aufgegangen: Die Anleihen in seinem Portfolio sprangen von 30 auf 44 Cent. Sie machen inzwischen ein Fünftel seines Fondsvermögens aus.
Das ist kein Investieren mehr, das ist Distressed-Debt-Arbitrage in Reinform.
Auch deutsche Anleger können an der Spekulation partizipieren
Wer glaubt, dieser Markt sei nur Hedgefonds vorbehalten, irrt. Auch für deutsche Privatanleger gibt es Vehikel, allerdings mit extrem unterschiedlichen Risikoprofilen.
Der Vermögensverwalter HWB aus Trier fährt im 'HWB Wandelanleihen Plus Fonds' einen aggressiven Kurs. Eine einzelne Venezuela-Anleihe macht dort rund sieben Prozent des Nettofondsvermögens aus. Der Kurs dieses Papiers hat sich seit letztem Sommer von 20 auf 42 Dollar mehr als verdoppelt.
Noch extremer agiert Ashmore. Der 'Ashmore Emerging Markets Short Duration' weist laut Morningstar-Schätzungen einen Venezuela-Anteil von fast 50 Prozent auf. Offiziell wird dieser Wert oft niedriger ausgewiesen, da ausgefallene Anleihen teils nicht zum Marktwert bilanziert werden.
Hier liegen stille Reserven in dreistelliger Millionenhöhe, die bei einer erfolgreichen Restrukturierung gehoben würden.
Eine vollständige Rückzahlung der Schulden ist illusorisch
Niemand im Markt rechnet ernsthaft damit, dass Venezuela 100 Prozent des Nennwerts zurückzahlt. Das ist auch gar nicht nötig, um massive Gewinne zu erzielen.
Analysten kalkulieren derzeit mit einer Recovery-Rate von 40 bis 60 Prozent. Bei aktuellen Einstiegskursen oder alten Buchwerten von nahe Null wäre selbst ein 'Haircut' (Schuldenschnitt) von 50 Prozent ein finanzieller Triumph.
Die Rechnung geht jedoch nur auf, wenn der politische Übergang gelingt. Venezuela braucht frisches Kapital, um die Ölindustrie zu reaktivieren. Das fließt nur, wenn die Altgläubiger bedient werden.
Es ist eine Wette auf die Ratio: Ein chaotischer Mafiastaat nützt niemandem, eine geordnete Insolvenz hingegen würde Milliarden freisetzen. Dies ist Spekulation am offenen Herzen einer Volkswirtschaft – moralisch komplex, extrem riskant, aber finanziell derzeit die spannendste Story der Welt.


