Die Welt brennt, die Energiepreise explodieren, und ausgerechnet der „sichere Hafen“ Gold säuft ab. Seit dem Ausbruch des Iran-Krieges Ende Februar haben die Goldnotierungen mehr als 20 Prozent an Wert verloren – ein technischer Bärenmarkt, der viele Investoren fassungslos zurücklässt. Eigentlich gilt das Edelmetall als ultimative Versicherung gegen geopolitische Katastrophen, doch diesmal scheint die Logik der Märkte außer Kraft gesetzt.
Inmitten dieses Chaos tritt die Schweizer Großbank UBS auf den Plan und stemmt sich mit einer mutigen Analyse gegen den Herdentrieb. Für die Experten der Investmentbank ist der aktuelle Kurssturz kein Zeichen von Schwäche, sondern eine gefährliche Täuschung. Anstatt die Reißleine zu ziehen, sollten Anleger das Edelmetall jetzt erst recht als Schutzschild in ihren Portfolios behalten.
Die paradoxe Kursreaktion ist kein strukturelles Ende der Goldära
Es wirkt auf den ersten Blick völlig kontraintuitiv: Die Weltwirtschaft wankt unter dem Schock steigender Ölpreise, und Gold fällt. Analyst Wayne Gordon und sein Team bei der UBS sehen darin jedoch keinen dauerhaften Trendbruch, sondern ein temporäres Phänomen, das durch konkurrierende makroökonomische Kräfte ausgelöst wurde.

Derzeit wird der Goldpreis von zwei Seiten in die Zange genommen. Zum einen festigen sich die Erwartungen auf dauerhaft höhere Zinsen, da die Notenbanken die kriegsbedingte Inflation bekämpfen müssen. Zum anderen zeigt sich der US-Dollar als aggressiver Profiteur der Krise. Da Gold international in Dollar gehandelt wird, macht die Stärke der US-Währung das Metall für Käufer aus anderen Währungsräumen schlichtweg zu teuer und drückt so die Nachfrage.
„Die typische Rolle von Gold als Absicherung in frühen Marktphasen steht derzeit unter Druck, da sich die Märkte auf höhere Zinsen und einen starken US-Dollar einstellen“, erklärt der Analyst Wayne Gordon. Doch er stellt klar: „Das ist jedoch kein strukturelles Problem für Gold, sondern eher eine Verzögerung.“ Die UBS geht davon aus, dass die spekulativen Verkäufe bald ihr Ende finden und die fundamentale Angst vor einer Geldentwertung das Ruder wieder übernehmen wird.
Historische Vergleiche entlarven die kurzsichtige Panik der Goldbären
Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass Gold selten eine Einbahnstraße nach oben ist, wenn die Kanonen donnern. Die UBS-Analysten ziehen Parallelen zu den Ölkrisen der 1970er-Jahre und dem Irakkrieg. Damals wie heute reagierte der Goldpreis in der Anfangsphase oft verhalten oder sogar negativ, bevor er zu massiven Rallyes ansetzte.
Gordon betont, dass wir es derzeit nicht mit einem „Volcker-Bernanke-Moment“ zu tun haben. Damit spielt er auf radikale Wendepunkte in der Geldpolitik an, die Gold langfristig unattraktiv machen könnten. Da die aktuelle Inflation jedoch nicht allein durch die Geldmenge, sondern durch physische Knappheit bei Energie und Rohstoffen getrieben wird, bleibt Gold als realer Sachwert unersetzlich.
Für viele Anleger mag die verhaltene Reaktion von Gold auf geopolitische Spannungen und die hohe Volatilität kontraintuitiv erscheinen, so die Einschätzung des UBS-Teams. „Die Geschichte zeigt jedoch, dass Gold nicht immer während Konflikten steigt, insbesondere nicht in deren Anfangsphase“, ergänzt der Analyst Wayne Gordon. Wer die Geduld verliert, übersieht laut UBS, dass Gold oft erst dann zündet, wenn die Zweitrundeneffekte der Inflation die Kaufkraft der Papierwährungen zerfressen.

Prominente Rückendeckung durch Hedgefonds-Milliardäre stärkt die Bullen-These
Die UBS steht mit ihrer optimistischen Haltung nicht allein auf weiter Flur. Schwergewichte der Finanzwelt wie Ray Dalio, Gründer von Bridgewater Associates, predigen seit Jahren die Notwendigkeit von Gold als defensivem Anker. Dalio warnt regelmäßig davor, dass in Zeiten globaler Instabilität und hoher Staatsverschuldung das Vertrauen in Zentralbankwährungen schwinden wird.
Diese Sichtweise deckt sich mit der Strategie der UBS, die Gold weiterhin als hocheffektives Absicherungsinstrument im Portfolio ansieht. Die Analysten prognostizieren, dass die Preise bald wieder steigen werden, sobald sich der erste Staub des Iran-Konflikts gelegt hat und die Märkte realisieren, dass die Inflation kein vorübergehendes Problem bleibt.
Die UBS-Experten sehen in der aktuellen Schwächephase eher eine seltene Kaufgelegenheit als einen Grund zur Flucht. Wenn die Zinsangst ihren Zenit überschritten hat und der US-Dollar seine Rallye beendet, könnte Gold zu einer rasanten Aufholjagd ansetzen. Anleger, die jetzt ihre Positionen räumen, riskieren, bei der kommenden Trendwende am Spielfeldrand zu stehen.
Am Ende ist Gold kein Instrument für schnelle Spekulationen, sondern die letzte Versicherungspolice des Finanzsystems – und Versicherungen kündigt man nicht mitten im Sturm.


