Die Ära der rein passiven Indexnachbildung als unangefochtener Goldstandard neigt sich dem Ende zu. Was vor 15 Jahren als klares Versprechen galt – ein ETF bildet Indizes wie den S&P 500 oder DAX stur und kostengünstig nach – weicht einer komplexeren Realität. Die strikte Dichotomie zwischen 'aktiv' und 'passiv' ist analytisch kaum noch haltbar.
Eine Analyse von Morningstar vom November 2025 verdeutlicht, dass diese Unterscheidung oft in die Irre führt. Während vermeintlich passive Produkte durch Index-Methodologie aktive Risikoentscheidungen treffen, differenzieren sich manche aktiven Strategien kaum noch vom breiten Markt. Diese Unschärfe markiert den Beginn eines neuen Zyklus im Asset Management.
Der Markt reagiert bereits mit einer signifikanten Umschichtung der Produktlandschaft. Aktive ETFs sind keine Nische mehr, sondern der primäre Wachstumstreiber der Fondsindustrie. Die Datenlage ist eindeutig und deutet auf eine strukturelle Transformation hin.
US-Daten belegen eine fundamentale Verschiebung der Kapitalströme
Der Blick in die Vereinigten Staaten dient als Frühindikator für globale Trends. Laut Fidelity International waren im Jahr 2025 fast 85 Prozent aller neu aufgelegten ETFs aktiv verwaltet. Zwar fließt das Gros des Bestandsvolumens noch in passive Vehikel, doch die Dynamik bei den Zuflüssen kippt.
Von der rund eine Billion US-Dollar, die 2025 den ETF-Markt erreichten, flossen bereits 35 Prozent in aktive Strategien. In den USA übertreffen aktive ETFs ihre passiven Pendants zahlenmäßig bereits. Auch in Europa zieht das Segment an: Morningstar beziffert das Volumen aktiver ETFs auf 62,4 Milliarden Euro (Stand August 2025).

Ein Stimmungsbild des Beraters Blackwater unterstreicht das enorme Tempo dieses Wandels. Lehnnten 2021 noch 90 Prozent der aktiven Fondsmanager die Auflage von ETFs ab, sank diese Quote drei Jahre später auf lediglich zehn Prozent. Der Widerstand der etablierten Asset Manager gegen die ETF-Hülle ist gebrochen.
Fondsgesellschaften suchen Auswege aus der Margenkompression
Die wirtschaftliche Motivation hinter dieser Angebotsschwemme ist rational: Differenzierung und Preissetzungsmacht. Im Bereich der standardisierten Indexprodukte hat der Preiskampf die Margen auf wenige Basispunkte gedrückt. Hier ist für Anbieter kaum noch Geld zu verdienen.
Aktive Strategien hingegen erlauben Gebührenstrukturen zwischen 0,19 und 0,89 Prozent p.a. Dies sichert den Ertrag der Fondsgesellschaften in einem kompetitiven Umfeld. Für Anleger bedeutet dies im Umkehrschluss, dass sie wieder stärker für die vermeintliche Qualität des Managements und den Investmentprozess zahlen.
Regulatorische Durchbrüche eliminieren strukturelle Nachteile
Ein entscheidender Katalysator für die Verschmelzung der Welten ist die Haltung der US-Börsenaufsicht SEC. Am 29. September 2025 kündigte die Behörde an, Dimensional Fund Advisors die Genehmigung für ETF-Anteilsklassen innerhalb bestehender Investmentfonds zu erteilen.
Dieser regulatorische Schritt ist massiv. Er erlaubt klassischen Fonds, die Steuereffizienz der ETF-Struktur zu nutzen (
Dutzende Vermögensverwalter haben bereits ähnliche Anträge eingereicht. Wenn aktive Fonds durch diese Hybrid-Struktur steuerlich mit reinen ETFs gleichziehen und ihre Kosten senken, verliert das passive Segment einen seiner stärksten Wettbewerbsvorteile.
Die Koexistenz von Alpha und Beta bestimmt das Portfolio der Zukunft
Trotz des Hypes haben passive ETFs keineswegs ausgedient. Kostengünstige Indexfonds auf Benchmarks wie den MSCI World oder S&P 500 bleiben aufgrund ihrer Transparenz und niedrigen Kosten das rationale Basisinvestment (Beta) für langfristig orientierte Portfolios.
Die Zukunft gehört jedoch hybriden Ansätzen. Anleger werden zunehmend passive Kernelemente mit gezielten aktiven Bausteinen kombinieren, um in ineffizienten Marktsegmenten Mehrwert (Alpha) zu generieren. Die Frage lautet nicht mehr 'aktiv oder passiv', sondern wie effizient sich beide Stile in der ETF-Hülle ergänzen.


