Sabine Schoon-Renné, die seit 2023 an der Spitze der Comdirect steht, hat genug von der Defensive. Nach Jahren der Stagnation und einer quälenden Integration in den Commerzbank-Mutterkonzern geht die Onlinebank nun zum Frontalangriff auf die Berliner Neobroker-Elite über.
Das Ziel ist klar definiert: Die Generation Z. Jene jungen Menschen, die ihr Geld bisher fast ausschließlich bei Trade Republic oder Scalable Capital parken, sollen zur „digitalen Hausbank“ aus Quickborn zurückgeholt werden. „Wir wollen unsere Kundenzahl in den kommenden Jahren ausbauen und dabei auch mehr junge Menschen für uns gewinnen, die mit dem Wertpapiersparen anfangen“, so Schoon-Renné im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Der Druck ist gewaltig. Allein Trade Republic hat seine Kundenzahl innerhalb von nur 18 Monaten auf zehn Millionen verdoppelt – ein Beben, das die gesamte Branche aufgeschreckt hat. Nun folgt die Antwort der Etablierten: Mit Kampfpreisen und einer Rückbesinnung auf alte Stärken will Comdirect den Siegeszug der Fintechs stoppen.
Das „Pure Depot“ als radikale Schlankheitskur für kostenbewusste Einsteiger
Die Waffe im Kampf um die jungen Depots trägt den Namen „Pure Depot“. Es ist ein bewusst spartanisches Angebot, das mit der bisherigen Gebührenstruktur der Bank bricht. Statt der üblichen 3,90 Euro pro Trade kostet eine Transaktion hier nur noch einen einzigen Euro – exakt derselbe Preis, mit dem Trade Republic groß geworden ist. Die Depotführung bleibt komplett kostenlos.
Doch der Kampfpreis hat seinen Preis beim Leistungsumfang. Das „Pure Depot“ ist auf das Wesentliche reduziert: Derivategeschäfte sind tabu, und die Handelsplatzwahl ist auf rund 50 Plattformen begrenzt. Abgewickelt wird das Ganze über Gettex, das System der Bayerischen Börse. Es ist der Versuch, die Komplexität zu eliminieren, an der ein früheres Pilotprojekt namens „Simple“ im Jahr 2025 gescheitert war.
„Befragungen haben gezeigt, dass dies für die Kunden ein bisschen zu kompliziert war“, gesteht Schoon-Renné ein. Die Lehre daraus: Ein reines, preiswertes Wertpapierangebot ohne unnötigen Ballast. Wer später mehr will – etwa ein Girokonto oder Tagesgeld –, kann dies modular hinzufügen.

Der Telefonservice als Geheimwaffe gegen die anonyme Fintech-Welt
In einem Punkt will sich Comdirect jedoch deutlich von der Konkurrenz aus Berlin abheben: dem menschlichen Kontakt. Während viele Neobroker ihren Support fast ausschließlich über automatisierte Chats oder E-Mail-Tickets abwickeln, setzt Schoon-Renné auf den klassischen telefonischen Kundenservice.
„Das ist eine Sicherheit, die vielen Menschen wichtig ist“, betont die 45-Jährige.
Sie setzt darauf, dass gerade junge Anleger bei technischen Problemen oder Unsicherheiten am Markt eine echte Stimme am anderen Ende der Leitung schätzen. Es ist ein teurer Luxus, den sich Comdirect leistet, um den Vertrauensvorschuss der etablierten Marke gegenüber den „schnellen“ Fintechs auszuspielen.
Dass Comdirect überhaupt wieder in der Lage ist, solche Offensiven zu starten, ist ein Verdienst der neuen „Zwei-Marken-Strategie“. Nach der Komplettübernahme durch die Commerzbank im Jahr 2020 war der Wachstumskurs jahrelang eingefroren. Drei CEO-Wechsel und die Verunsicherung durch die Integration während der Pandemie ließen die Kundenzahl bei 2,9 Millionen stagnieren. Erst jetzt, mit rund drei Millionen Kunden im Rücken, scheint die Bank wieder Herrin im eigenen Haus zu sein.
Krypto-Offensive und Anti-MSCI-World: Die neuen Pfeile im Köcher der Commerzbank-Tochter
Der Angriff beschränkt sich nicht nur auf die Gebühren. Auch bei den Produkten will Schoon-Renné Akzente setzen. Gemeinsam mit State Street hat die Bank einen eigenen ETF entwickelt: den „Comdirect S&P All World State Street“. Er soll eine echte Alternative zum MSCI World sein, der vielen Anlegern mittlerweile zu stark von den „Magnificent Seven“ wie Apple und Nvidia dominiert wird.
Und noch ein Tabu fällt im zweiten Halbjahr 2026: Comdirect startet endlich mit einem eigenen Kryptoangebot. „Wir wissen aus Befragungen, dass ein Drittel unserer Kunden gerne direkt in Kryptowährungen wie den Bitcoin investieren möchte“, erklärt die Chefin. Damit schließt die Bank eine schmerzhafte Lücke zu Revolut und Trade Republic, die dieses Segment bereits seit Jahren besetzen.
Schoon-Renné, die ihren Ruf als „unbequeme Fragenstellerin“ im Konzern pflegt, weiß, dass der Weg zurück an die Spitze steinig wird. Doch ihr Motto ist Programm: „Man muss auch mal unbequem sein und für gute Lösungen streiten.“ Für die Neobroker in Berlin und München dürfte es ab heute deutlich unbequemer werden.
Es ist das Comeback einer Legende – und diesmal wird nicht nur zugeschaut, sondern scharf geschossen.


