Der Kochtopf in der deutschen Chemieindustrie brodelt – doch was Betriebsleiter Arndt Griebel beim Mittelständler Zschimmer & Schwarz in Lahnstein beobachtet, ist kein Rezept für Erfolg, sondern das bittere Destillat einer Branche im freien Fall. Die Produktionsanlagen sind auf einem historischen Tiefstand ausgelastet. Was früher in vier Tagen produziert wurde, braucht heute fünf – bei explodierenden Kosten. Die Stimmung zum Auftakt der bundesweiten Tarifverhandlungen in Langenhagen bei Hannover könnte kaum düsterer sein.
Die Produktion erodiert: 20 Prozent Minus seit 2018
Die Faktenlage, die Arbeitgeber-Verhandler Matthias Bürk (BAVC) auf den Tisch legt, ist ein industriepolitischer Offenbarungseid. Die deutschen Chemieunternehmen produzieren heute ein Fünftel weniger als noch vor acht Jahren. Hohe Energiekosten, ein lähmender Bürokratie-Dschungel und aggressive Billigimporte aus China setzen den Standort Deutschland schachmatt. Besonders die energieintensive Basischemie steht mit dem Rücken zur Wand, während Schutzzölle in den USA den Druck auf den europäischen Markt massiv erhöhen.

Die Konsequenz: Der Sanierungskurs hat längst die Belegschaften erreicht. Laut einer aktuellen Verbandsumfrage hat jedes vierte Unternehmen bereits mit dem Personalabbau begonnen, fast ein weiteres Viertel plant diesen Schritt für 2026. Bei Zschimmer & Schwarz laufen bereits Gespräche über Freiwilligenprogramme und Vorruhestandsregelungen. Eine "tarifpolitische Atempause" – sprich: Lohnverzicht – sei laut Arbeitgebern die einzige Rettung, um ein massenhaftes Sterben von Industriearbeitsplätzen zu verhindern.
Gewerkschafts-Veto: Keine Nullrunde auf dem Rücken der Arbeiter
Doch IG-BCE-Chef Michail Vassiliadis zeigt sich unbeeindruckt vom Krisen-Szenario der Bosse. Die Gewerkschaft fordert eine deutliche Lohnsteigerung, um die Kaufkraft der 585.000 Angestellten nach Jahren der Rekordinflation zu stärken. Die Argumentation der Arbeitnehmervertreter: Mit Lohnverzicht lassen sich keine Fabriken retten, die unter globalen Energiepreisen leiden. Im Gegenteil: Die Beschäftigten dürften nicht die Zeche für strategische Fehler und politische Versäumnisse zahlen.
Zusätzlich fordert die IG BCE harte Jobgarantien per Tarifvertrag – eine Forderung, die Bürk trocken als "nicht verordnungsbar" zurückweist. Das Tischtuch zwischen den Sozialpartnern scheint bereits zu Beginn der Verhandlungen zerrissen. Während die Gewerkschaft auf Nachholbedarf bei den Reallöhnen pocht, warnen Ökonomen vor einer Lohn-Preis-Spirale, die den ohnehin angeschlagenen Konzernen wie BASF den Todesstoß versetzen könnte.

Der Indien-Deal: Einziges Licht am Ende des Tunnels
Mitten in der Tristesse keimt jedoch eine zarte Hoffnung auf. Nach fast zwei Jahrzehnten zäher Verhandlungen haben die EU und Indien am 27. Januar 2026 den Durchbruch bei ihrem Freihandelsabkommen verkündet. Für die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie ist dies ein strategischer Befreiungsschlag. Indien schafft Zölle auf über 96 Prozent der EU-Exporte ab oder senkt sie drastisch – bei chemischen Erzeugnissen fallen die Hürden um bis zu 22 Prozent.
VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup spricht von einem Meilenstein für resilientere Lieferketten. Bisher spielten Exporte nach Indien mit rund 2,6 Milliarden Euro eine Nebenrolle, doch der Zugang zu einem der dynamischsten Wachstumsmärkte der Welt könnte die dringend benötigte Wende einleiten. Während die Produktion in Deutschland stagniert, hofft die Branche nun auf den "Indien-Boost", um den drohenden Abstieg in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern.

