Euro-Beitritt mit Symbolkraft und Vorbehalten
Zum Jahreswechsel wird Bulgarien 21. Mitglied der Eurozone. Auf den neuen Ein-Euro-Münzen erscheint der Nationalheilige Johannes von Rila. Für viele Beobachter ist der Beitritt weniger ein Triumph als ein Kraftakt. Mehrere Anläufe waren zuvor gescheitert, nun gelingt der Schritt nur knapp innerhalb der formalen Kriterien.
Inflationskriterien nur knapp erfüllt
Die Aufnahme erfolgte trotz erheblicher Zweifel. Der maßgebliche Inflationswert lag mit 2,7 Prozent nur minimal unter der Referenzmarke. Kritiker werfen der Europäische Zentralbank und der EU-Kommission vor, die Bewertung großzügig ausgelegt zu haben. Erinnerungen an den Beitritt Kroatiens und die dort anschließende Teuerung sind in Bulgarien präsent.

Skepsis in der Bevölkerung bleibt hoch
Umfragen zeigen eine gespaltene Gesellschaft. Fast die Hälfte der Bevölkerung steht dem Euro skeptisch oder ablehnend gegenüber. Viele Menschen fürchten Kaufkraftverluste, gerade in einem Land, das gemessen am Bruttoinlandsprodukt das ärmste Mitglied der Europäischen Union ist. Bereits heute lebt mehr als ein Fünftel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.
Politische Instabilität belastet Vertrauen
Der Euro-Beitritt fällt in eine Phase politischer Dauerkrise. Seit 2021 gab es sieben Parlamentswahlen, zuletzt führte massiver Protest zum Rücktritt der Regierung. Korruptionsvorwürfe und Skandale, unter anderem um Ex-Regierungschef Boiko Borissow, haben das Vertrauen in staatliche Institutionen weiter untergraben.
Wirtschaft setzt auf Stabilität und Investitionen
Trotz der politischen Turbulenzen zeigt sich die Wirtschaft robust. Mit einem Wachstum von rund drei Prozent liegt Bulgarien deutlich über dem EU-Durchschnitt. Die feste Bindung des Lew an den Euro bestand bereits seit 1999, weshalb Unternehmen kaum Währungsrisiken erwarten. Der Beitritt soll Investitionen erleichtern und Planungssicherheit erhöhen.
Hoffnung auf Reformdruck durch Europa
Ökonomen wie der bulgarische Notenbankchef Dimitar Radev sehen im Euro einen Hebel für Reformen. Die stärkere Einbindung in europäische Strukturen könnte den Druck erhöhen, Korruption und Missmanagement konsequenter zu bekämpfen. Ob dieser Effekt eintritt, bleibt offen.
Vorläufig letzter Beitritt zur Eurozone
Mit Bulgarien dürfte die Erweiterung der Eurozone vorerst abgeschlossen sein. In Ländern wie Polen, Tschechien oder Schweden fehlt derzeit der politische Wille. Dort wird die geldpolitische Eigenständigkeit als Vorteil gesehen, insbesondere mit Blick auf die Inflationsbekämpfung.
Der Euro-Eintritt Bulgariens ist damit weniger ein Endpunkt als ein Experiment unter schwierigen Bedingungen. Ob er zum Stabilitätsanker oder zur neuen Belastungsprobe wird, entscheidet sich in den kommenden Jahren.


