01. Januar, 2026

Börse

Börsen ohne Pause: Kommt jetzt der 24-Stunden-Aktienhandel?

Nasdaq und NYSE drängen in den 23-Stunden-Handel. Europa prüft, Frankfurt ist technisch bereit. Doch der Schritt in die Nacht hat seinen Preis.

Börsen ohne Pause: Kommt jetzt der 24-Stunden-Aktienhandel?
Nasdaq und NYSE treiben den 23-Stunden-Handel voran. Frankfurt ist technisch bereit – doch der Preis könnte hoch sein.

Die Börse schläft – noch. Aber nicht mehr lange, wenn es nach den größten Handelsplätzen der Welt geht. Nasdaq und New York Stock Exchange treiben den nahezu durchgehenden Aktienhandel voran. Was jahrzehntelang als unverrückbar galt, gerät ins Wanken: der feste Tagesrhythmus der Kapitalmärkte.

Die USA setzen das Tempo

An der Wall Street ist die Entscheidung gefallen. Die Nasdaq hat bei der US-Börsenaufsicht SEC beantragt, den Handel an Werktagen auf 23 Stunden auszuweiten. Die New York Stock Exchange ist noch weiter und erhielt bereits die Genehmigung für einen 22-Stunden-Handel. Damit steuern die USA ab 2026 auf einen Börsentag zu, der faktisch keine Nacht mehr kennt.

Der Hintergrund ist klar umrissen. Investoren in Europa und Asien wollen nicht länger warten, bis New York öffnet. Unternehmensmeldungen, geopolitische Eskalationen oder Konjunkturdaten verbreiten sich in Sekunden. Die Idee, dass der Markt erst Stunden später reagiert, wirkt zunehmend aus der Zeit gefallen.

Privatanleger verändern die Logik des Handels

Der Druck kommt weniger von institutionellen Schwergewichten als von einer neuen Generation privater Anleger. Sie handeln über Apps, reagieren spontan, oft außerhalb klassischer Handelszeiten. Für Onlinebroker ist der verlängerte Handel ein logischer Schritt, um diese Kundschaft zu binden.

Was bei Kryptowährungen längst Standard ist, soll nun auch für Aktien und ETFs gelten: permanente Verfügbarkeit. Börsen verwandeln sich damit immer stärker in Infrastrukturbetreiber, die Nachfrage bedienen müssen, statt sie zu steuern.

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Europa tastet sich heran

Auch in Europa wächst das Interesse. Die London Stock Exchange Group prüft seit Monaten die Einführung eines 24-Stunden-Handels. Technische Voraussetzungen, regulatorische Fragen und Auswirkungen auf Liquidität und Doppelnotierungen werden systematisch analysiert. Noch öffnet London klassisch von 8.00 bis 16.30 Uhr.

Zurückhaltender, aber strategisch aufmerksam zeigt sich Frankfurt. An der Deutsche Börse wird bereits von 8.00 bis 22.00 Uhr gehandelt – länger als in London. Eine Sprecherin betont, man sei technisch in der Lage, den Handel auf 24 Stunden auszuweiten. Der Bedarf der Marktteilnehmer sei derzeit jedoch begrenzt.

Frankfurt ist weiter, als es scheint

Tatsächlich läuft der durchgehende Handel in Teilbereichen bereits. Die Terminbörse Eurex bietet ein 21/5-Modell, also 21 Stunden an fünf Tagen. Über 360T werden Devisen rund um die Uhr gehandelt, Kryptoassets über Crypto Finance ebenfalls.

Frankfurt verfügt zudem über einen strukturellen Vorteil. Die Zeitzone liegt zwischen Asien und den USA. Während Tokio schließt und New York noch schläft, könnte Frankfurt zum globalen Übergangspunkt werden. In einem fragmentierten Markt wäre das ein nicht zu unterschätzender Standortfaktor.

Abwicklung wird zum Nadelöhr

Der eigentliche Engpass liegt weniger im Handel als in der Abwicklung. In den USA spielt die zentrale Rolle die DTCC, die Clearing und Settlement organisiert. Sie plant, bis Ende 2026 eine 24-Stunden-Abwicklung zu ermöglichen.

In einer Studie mit Ernst & Young geht die DTCC davon aus, dass bis 2028 zwischen einem und zehn Prozent des gesamten US-Aktienvolumens außerhalb der klassischen Handelszeiten umgesetzt werden könnten. Das ist kein Massenmarkt, aber groß genug, um Prozesse dauerhaft zu verändern.

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Banken warnen vor teurer Dauerbereitschaft

Während Börsenbetreiber Chancen sehen, reagieren viele Großbanken skeptisch. Institute wie J.P. Morgan, Bank of America oder Morgan Stanley warnen vor hohen Investitionen in Technik, Personal und Risikomanagement. Nachthandel bedeutet nicht nur Serverlaufzeit, sondern Schichtbetrieb, Compliance rund um die Uhr und neue Belastungen für Handels- und Kontrollsysteme.

Der Ertrag ist ungewiss. Niemand kann garantieren, dass ausreichende Liquidität entsteht. In den Nachtstunden drohen größere Spreads, geringere Marktbreite und stärkere Kursschwankungen. Für Anleger könnten Transaktionen teurer werden, nicht günstiger.

Die Qualität des Marktes steht auf dem Spiel

Genau hier liegt der Kern der Debatte. Ein Markt ist nicht allein durch Öffnungszeiten definiert, sondern durch Tiefe, Transparenz und Preisfindung. Ein illiquider 23-Stunden-Handel kann mehr schaden als nützen.

Befürworter halten dagegen, dass sich Liquidität mit der Zeit anpasst. Wenn Handel möglich ist, entsteht er auch. Gegner verweisen auf Jahrzehnte gewachsene Strukturen, die nicht beliebig streckbar sind.

Regulierung zieht sich zurück

Die US-Börsenaufsicht SEC hat zuletzt Vorschriften gelockert, die als Hemmnis für längere Handelszeiten galten. Der politische Wille ist erkennbar: Märkte sollen sich an veränderte Anlegergewohnheiten anpassen, nicht umgekehrt.

Europa beobachtet genau. Sollte sich der US-Versuch als erfolgreich erweisen, dürfte der Druck auf London und Frankfurt steigen. Technisch ist vieles vorbereitet. Strategisch stellt sich eine andere Frage.

Die Börse als Dauerbetrieb verändert alles

Ein Markt ohne Pause verschiebt Machtverhältnisse. Geschwindigkeit gewinnt weiter an Bedeutung, menschliche Händler verlieren Einfluss, automatisierte Systeme dominieren. Für Privatanleger klingt der Nachthandel nach Freiheit. Für Profis ist er vor allem eines: ein weiterer Komplexitätslayer.

Wenn die Nacht zum Tag wird, endet nicht nur eine Tradition. Es beginnt ein Markt, der keine natürliche Bremse mehr kennt.

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