Der Ausverkauf an den Weltmärkten hat eine Dimension erreicht, die selbst hartgesottene Händler erzittern lässt. Was in der vergangenen Woche noch wie ein moderater Rücksetzer als Reaktion auf den Iran-Krieg aussah, hat sich zu einem flächendeckenden Panic-Selling ausgeweitet. Der Nasdaq 100 befindet sich bereits in einer offiziellen Korrektur, nachdem er mehr als zehn Prozent von seinem Rekordhoch eingebüßt hat, und der S&P 500 steht unmittelbar davor, diesem düsteren Beispiel zu folgen. Europa erwischt es noch härter: Der Stoxx 600 steuert auf seinen schlechtesten Monat seit sechs Jahren zu.
Doch genau in dieser Trümmerlandschaft identifizieren die Strategen von Goldman Sachs Anzeichen für ein Phänomen, das an der Börse oft das Ende des Schmerzes einläutet: Die totale Kapitulation. Wenn die letzten Optimisten ihre Positionen räumen und die Pessimisten ihre Wetten bis zum Anschlag ausgereizt haben, bleibt oft nur noch ein Weg – der nach oben. Die Daten der Prime-Services-Sparte von Goldman zeigen, dass Hedgefonds bereits die sechste Woche in Folge ihre globalen Aktienbestände reduziert haben, getrieben von einer massiven Welle an Leerverkäufen.

Die Pessimisten haben ihr Pulver fast vollständig verschossen
In Europa hat der Pessimismus ein historisches Ausmaß erreicht. Das Short-Exposure bei Makro-Produkten, die auf breite wirtschaftliche Themen wetten, ist auf elf Prozent gestiegen. Das ist der höchste Stand seit über zehn Jahren. „Einige Anzeichen für eine Kapitulation beginnen aufzutauchen“, schreibt das Team um Vincent Lin von Goldman Sachs. Die Daten suggerieren, dass die Fonds ihrem maximalen Level an Pessimismus gefährlich nahegekommen sind.
Die Verkäufe in den USA über die letzten sechs Wochen waren die drittgrößten innerhalb des vergangenen Jahrzehnts. Wir bewegen uns hier auf Niveaus, die wir zuletzt während des Corona-Crashs gesehen haben. Nur der dramatische „Liberation Day“ im April 2025 war noch heftiger. Wenn der Markt derart einseitig positioniert ist, reicht oft ein winziger Funke – etwa ein diplomatisches Signal zur Deeskalation im Iran-Krieg –, um eine brutale Eindeckungswelle auszulösen, die die Kurse in einer „Short Squeeze“-Rallye nach oben katapultiert.
Systematische Investoren mutieren von Nettoverkäufern zu Pflichtkäufern
Während die Hedgefonds emotional kapitulieren, geht den mechanisch handelnden Akteuren schlicht die Munition für weitere Verkäufe aus. Die sogenannten CTAs (Commodity Trading Advisors), die Trends folgen, haben im vergangenen Monat schwindelerregende 190 Milliarden Dollar an Aktien auf den Markt geworfen. Mittlerweile halten sie eine Netto-Short-Position von etwa 50 Milliarden Dollar in globalen Aktien.

„Die systematische Gemeinschaft verliert an Schwung“, stellt Cullen Morgan von Goldman Sachs fest. Die Asymmetrie hat sich verschoben: Das Risiko nach unten ist begrenzt, während das Potenzial nach oben explodiert. Goldman schätzt, dass CTAs über den nächsten Monat in nahezu jedem denkbaren Marktszenario als Käufer auftreten werden. Sie müssen ihre Short-Wetten glattstellen oder bei einer Stabilisierung wieder einsteigen, was zusätzlichen Kaufdruck erzeugt.
Die institutionelle Neugewichtung stützt den brückelnden Markt
Zusätzlich zur technischen Erschöpfung der Verkäufer treten nun große institutionelle Kräfte auf den Plan. Zum Quartals- und Monatsende müssen Pensionsfonds ihre Portfolios rebalancieren. Da Aktien im Vergleich zu anderen Anlageklassen massiv an Wert verloren haben, sind diese Schwergewichte gezwungen, im großen Stil zuzukaufen, um ihre Zielgewichtungen wiederherzustellen.
Gleichzeitig läuft zum Monatsende eine signifikante Menge an Optionen aus. Das „negative Gamma“ der Optionshändler, das zuletzt wie ein Beschleuniger für Kursverluste wirkte, wird abgebaut. Dieser technische Druckpunkt fällt weg und nimmt dem Markt die Last, die ihn in den letzten Wochen nach unten gedrückt hat. Es ist ein Zusammentreffen von technischen Faktoren, das den Boden für eine Erholung bereitet.
Der ehrliche Blick auf das Ende des Bärenmarktes bleibt schmerzhaft
Trotz dieser hoffnungsvollen Signale warnt die Bank vor verfrühter Euphorie. „Es fühlt sich an, als wären wir dem Ende näher als dem Anfang, aber es fühlt sich auch so an, als spielten wir ein Spiel, das keine klassischen 'Innings' hat“, schreibt Brian Garrett in einer Notiz an Kunden. Niemand kann einen klaren Zeitplan für den Krieg liefern, und eine echte Deeskalation ist bisher nicht in Sicht.
Die Suche nach dem exakten Boden bleibt das gefährlichste Spiel der Welt. Garrett gibt sich intellektuell ehrlich: Während viele auf der Sell-Side bereits versuchen, sich als diejenigen zu profilieren, die den Tiefpunkt vorhergesagt haben, ist der Markt faktisch noch nicht ganz dort angekommen. Die Kapitulation ist ein Prozess, kein einzelnes Ereignis. Aber die Zutaten für eine Trendwende sind nun erstmals seit Ausbruch der Feindseligkeiten im Nahen Osten auf dem Tisch.
An der Börse wird nicht geklingelt, wenn die Wende kommt – meistens geschieht sie dann, wenn sich die Anleger am schlechtesten fühlen. Und schlechter als momentan war die Stimmung seit Jahren nicht mehr.


