Der Donnerstag wird für Zehntausende Fluggäste zur Geduldsprobe. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) und die Kabinengewerkschaft Ufo haben zu einem ganztägigen, bundesweiten Streik aufgerufen. Betroffen sind sämtliche Starts ab Deutschland – von Frankfurt und München über Berlin und Hamburg bis hin zu Düsseldorf und Köln. Auch der Frachtverkehr von Lufthansa Cargo bleibt nicht verschont. Das Ausmaß ist historisch: In der Vergangenheit führten vergleichbare Ausstände dazu, dass die Lufthansa nahezu ihr gesamtes Flugprogramm streichen musste.

Hinter den Kulissen tobt ein erbitterter Machtkampf um die künftige Ausrichtung des Luftfahrtriesen. Während das Management unter Carsten Spohr den Fokus auf profitables Wachstum durch kostengünstigere Plattformen legt, fürchten die Beschäftigten der Kerngesellschaft um ihre soziale Absicherung und berufliche Zukunft.
Die Fronten: Renten-Poker und Angst vor der Billig-Konkurrenz
Die Gründe für den Arbeitskampf sind so komplex wie die Konzernstruktur selbst. Die Piloten streiken offiziell für höhere Arbeitgeberbeiträge zu den Betriebs- und Übergangsrenten. Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit verweist auf eine Urabstimmung vom Herbst, bei der sich eine deutliche Mehrheit für Streiks ausgesprochen hatte, nachdem sieben Verhandlungsrunden ergebnislos geblieben waren.
Bei den Flugbegleitern geht es der Gewerkschaft Ufo um weit mehr als Geld. Sie fordert einen tariflichen Sozialplan für die Regionaltochter Cityline. Dort sind laut Gewerkschaftsangaben rund 800 Arbeitsplätze unmittelbar bedroht, da der Konzern den Flugbetrieb sukzessive herunterfährt. Ufo-Tarifexperte Harry Jaeger kritisiert, dass das Management jede ernsthafte Diskussion über Schutzmechanismen verweigere und stattdessen tarifliche Verschlechterungen bei Arbeitsbelastung und Planbarkeit verlange.
Strategie des Ausweichens: City Airlines expandiert am Drehkreuz Frankfurt
Besondere Brisanz erhält der Streik durch eine aktuelle Meldung des Konzerns: Ausgerechnet in dieser Woche hat die neue Tochtergesellschaft City Airlines ihren Flugbetrieb am größten Drehkreuz in Frankfurt aufgenommen. Mit Zielen wie Manchester, Berlin und Valencia soll die Flotte dort bis zum Herbst auf sieben Airbus A320neo anwachsen.
Für die Passagiere ist der Unterschied oft nicht erkennbar, da City Airlines voll in den Lufthansa-Flugplan integriert ist. Doch für die Gewerkschaften ist die Gesellschaft das Symbol einer „Tarifflucht“. Da die Crews dort zu deutlich niedrigeren Konditionen fliegen, sieht die Stammbelegschaft ihre eigenen Standards gefährdet. Carsten Spohr betont hingegen, dass Wachstum im Konzern nur dort stattfinden könne, wo Geld verdient werde – sprich: wo die Kosten niedrig genug sind.

Jubiläumsjahr im Krisenmodus: 100 Jahre Tradition unter Druck
Eigentlich wollte die Lufthansa das Jahr 2026 als strahlendes Aushängeschild der deutschen Wirtschaft feiern. 100 Jahre nach der Gründung im Jahr 1926 präsentiert sich die Airline mit neuer „Allegris“-Kabine und Jubiläums-Lackierungen auf den Flugzeugen. Doch der Glanz wird durch die harte Realität des Wettbewerbs getrübt.
Der Konzern steht unter massivem Druck von Billigfliegern auf der Kurzstrecke und finanzstarken Airlines aus dem Nahen Osten auf der Langstrecke. Um die Renditeziele bis 2028 zu erreichen, streicht Lufthansa bereits zahlreiche unrentable Inlandsflüge und setzt verstärkt auf Zukäufe wie den Einstieg bei der italienischen ITA. Der Streik am Donnerstag zeigt jedoch, dass der Preis für diesen Umbau ein tiefer Riss innerhalb der eigenen Belegschaft ist.

