Der BMW XM ist kein Auto, das um Zustimmung bittet. Über fünf Meter lang, mehr als zwei Meter breit, fast drei Tonnen schwer und mit einem Kühlergrill, der eher dominiert als gestaltet. Kritiker sprechen von Provokation, von Überzeichnung, von Geschmacklosigkeit. BMW spricht von einem Statement. Und verkauft das Auto.
Doch genau hier beginnt das Dilemma der Münchner. Die Designsprache der vergangenen Jahre war wirtschaftlich erfolgreich, ästhetisch aber hoch umstritten. Nun soll ein Neustart gelingen. Eleganter, ruhiger, langlebiger. Ob das funktioniert, entscheidet sich mit der „Neuen Klasse“.
Schönheit wird bei BMW neu verhandelt
BMW-Chefdesigner Adrian van Hooydonk kennt die Kritik seit Jahren. Er lächelt darüber, widerspricht selten frontal. Schönheit, sagt er, sei keine absolute Kategorie. Seit mehr als 15 Jahren prägt er das Erscheinungsbild der Marke, länger als viele seiner Vorgänger. Mit 61 Jahren steht er über der internen Altersgrenze, ein Nachfolger ist noch nicht benannt.

Seine womöglich letzte große Aufgabe ist heikel: BMW muss zeigen, dass es mehr kann als polarisieren. Mit der nächsten Modellgeneration soll nicht nur die Technik erneuert werden, sondern auch das Selbstverständnis der Marke.
Die „Neue Klasse“ als bewusster Gegenentwurf
Der Wendepunkt trägt einen historischen Namen. Mit der „Neuen Klasse“ erinnert BMW bewusst an die 1960er-Jahre, als klare Linien und technische Präzision den Aufstieg der Marke begründeten. Das erste Serienmodell dieser neuen Ära ist der elektrische iX3, vorgestellt auf der IAA in München.
Auffällig ist, was fehlt. Die überdimensionierten Nieren der vergangenen Jahre schrumpfen deutlich. Der Kühlergrill wird wieder schmaler, vertikaler, näher an der klassischen Form. Das Design wirkt ruhiger, weniger aggressiv, fast demonstrativ zurückhaltend.
Bruch mit der eigenen Gegenwart als Stilmittel
Dass der iX3 sich klar von bisherigen Modellen absetzt, ist kein Zufall. BMW nutzt den Bruch bewusst als Gestaltungselement. Das sei Teil der DNA des Konzerns, sagt der Designexperte Martin Groschwald. Auch wenn er selbst kein BMW-Fan sei, attestiert er der „Neuen Klasse“ großes Potenzial. Der Konzern sei damit auf einem guten Weg.
Intern wurde dafür vieles infrage gestellt. Größere Fensterflächen, niedrigere Gürtellinien, mehr Licht im Innenraum. Das Auto soll wieder als ruhige Leinwand dienen, während digitale Elemente personalisierbar darübergelegt werden. Designworks-Chefin Julia de Bono beschreibt den Prozess wie ein Start-up im Konzern. Radikal, offen, ohne Denkverbote.
Technik und Design sollen wieder zusammenfinden
Der Anspruch geht über Ästhetik hinaus. Der iX3 soll auch technologisch Maßstäbe setzen. Der Autoexperte Christian Koenig spricht von einem großen Wurf, nicht nur für BMW. Im Vergleich zur Konkurrenz habe der Konzern derzeit die zukunftsweisendste Designsprache vorgestellt, die an frühere Erfolge wie den ursprünglichen i3 anknüpfe.
Gerade diese Verbindung aus Klarheit im Design und Fortschritt in der Technik soll die Marke wieder schärfen. Für BMW ist das mehr als Imagepflege.

Wirtschaftlicher Druck erhöht die Fallhöhe
Der Design-Neustart kommt zu einem sensiblen Zeitpunkt. In den ersten neun Monaten des Jahres verdiente BMW im Autogeschäft rund 15 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Erwartungen für das Gesamtjahr wurden im Herbst gesenkt. Die „Neue Klasse“ gilt intern als Schlüssel, um die Schwächephase zu überwinden.
Design ist dabei kein Nebenschauplatz. Studien zeigen, dass es nach der Zuverlässigkeit das wichtigste Kaufkriterium ist. Was nicht gefällt, kommt nicht in die engere Auswahl. Gerade BMW profitiert zwar von besonders loyalen Kunden, doch auch diese Loyalität hat Grenzen.
China wird zum entscheidenden Testmarkt
Besonders wichtig ist der Erfolg in China. Dort tobt ein Preiskampf zwischen mehr als 100 Automarken, viele davon elektrisch und designlich austauschbar. BMW will für den chinesischen Markt eigene Versionen mit längerem Radstand bauen und setzt auf Kooperationen mit lokalen Tech-Unternehmen wie Deepseek.
Groschwald glaubt, dass der iX3 dort ausgerechnet wegen seiner kontrollierten Eigenständigkeit funktioniert. Er sei ähnlich genug, um vertraut zu wirken, aber markant genug, um sich abzuheben. Das internationale Designstudio-Netzwerk mit Standorten in Europa, den USA und China soll diese Balance absichern.
Erste Signale sind ermutigend
Offizielle Vorbestellungszahlen nennt BMW nicht, doch der Konzern zeigt sich zuversichtlich. Vorstandschef Oliver Zipse spricht von einer Nachfrage über den Erwartungen. Jede dritte Vorbestellung eines BMW-Stromers entfiel zuletzt auf den iX3. In den ersten sechs Wochen nach der Präsentation gingen laut BMW rund 3000 Bestellungen allein in Deutschland ein.
Auch Analysten reagieren positiv. Die US-Investmentbank Jefferies lobte nach ersten Testfahrten, der iX3 erfülle die hohen Erwartungen, die BMW selbst geschürt habe.
Ruhe als Gegenentwurf zur lauten Welt
Bleibt die Frage, ob BMW mit der neuen Zurückhaltung Kunden verliert, die das expressive, maskuline Design der vergangenen Jahre mochten. Van Hooydonk winkt ab. Die Welt werde immer lauter, sagt er. Ein bisschen Ruhe könne da nicht schaden. Und für Fans des XM hat er eine Botschaft: Auch künftig werde es expressive Modelle geben. Man müsse nur warten.
BMWs Suche nach dem schönen Auto ist damit keine Abkehr von der Provokation, sondern eine Erweiterung des Repertoires. Ob die neue Eleganz trägt, entscheidet sich nicht im Designstudio, sondern auf der Straße – und an den Verkaufszahlen der kommenden Jahre.



