An der Wall Street formiert sich gerade eine Bewertungsschlacht, wie sie die Finanzwelt noch nie gesehen hat. SpaceX, das Raumfahrtimperium von Elon Musk, bereitet laut Insidern den größten Börsengang der Geschichte vor. Doch die angestrebte Bewertung von 1,75 Billionen Dollar lässt traditionelle Analysten fassungslos zurück. Um diese astronomische Zahl zu stützen, werfen institutionelle Investoren herkömmliche Kennzahlen über Bord und vergleichen das Unternehmen nicht mehr mit Luftfahrtriesen wie Boeing, sondern mit den „Picks and Shovels“ des KI-Zeitalters.
Der Kern des Konflikts liegt in der Definition dessen, was SpaceX eigentlich ist. Während Skeptiker das Unternehmen als teuren Raketenbauer und Internetprovider betrachten, sehen Befürworter darin ein Infrastruktur-Monopol für die Zukunft der Menschheit. CFO Bret Johnsen heizte die Stimmung in einem vertraulichen Call mit IPO-Bankern weiter an: Er bezifferte den adressierbaren Markt für das Weltraumgeschäft auf 370 Milliarden Dollar und das Potenzial für den Satelliten-Internetdienst Starlink auf sage und schreibe 1,6 Billionen Dollar.
Absage an die Industrie-Dinos der Vergangenheit
Wer SpaceX verstehen will, muss die Vergleiche mit der Vergangenheit beenden. Großinvestoren lehnen es laut Reuters-Informationen ab, das Unternehmen an den Multiplikatoren von AT&T oder Verizon zu messen. Deren Infrastruktur gilt als veraltet, die Märkte als gesättigt. Starlink hingegen wird als „Asset-light“-Modell mit säkularem Wachstum gesehen – ähnlich wie der Software-Liebling Palantir. Doch selbst dieser Vergleich hinkt: Mit einem geschätzten 110-fachen des Umsatzes für 2025 wäre SpaceX sogar deutlich teurer als Palantir.
„Ich würde ein klassisches Unternehmen wie AT&T nicht als relevant für das Wirtschaftsmodell von Starlink ansehen, auch wenn beide im Kommunikationsgeschäft tätig sind“, so ein namentlich nicht genannter Senior Executive eines SpaceX-Großinvestors gegenüber Reuters. Der Markt wettet hier nicht auf aktuelle Cashflows, sondern auf eine monopolartige Stellung in der orbitalen Konnektivität von morgen.
Im Bereich der Raketenfertigung ist die Logik ähnlich radikal. Statt Lockheed Martin als Benchmark zu nutzen – das lediglich mit dem 20-fachen des erwarteten Gewinns gehandelt wird –, blicken Investoren auf Firmen wie GE Vernova oder Vertiv. Diese Unternehmen profitieren massiv vom Bau von KI-Rechenzentren. Die Argumentation der Musk-Fans: SpaceX liefert die notwendige „Hardware“ für die Expansion in den Weltraum, genau wie Vertiv die Kühlung für die KI-Revolution liefert.

Das „Plattform-Premium“ und die Musk-Magie
Die Bewertung von 1,75 Billionen Dollar ist für viele Experten weniger eine mathematische Ableitung als vielmehr eine „Ex-post-Rationalisierung“. Aswath Damodaran, Bewertungsexperte an der NYU Stern School of Business, beobachtet das Phänomen kritisch: „Sie haben bereits die Entscheidung getroffen, dass SpaceX ein großartiger Kauf ist. Jetzt suchen sie nach einem Weg, das zu rechtfertigen.“ Er betont, dass SpaceX einen einzigartigen Vorteil hat: Niemand sonst kann Satelliten in dieser Menge und zu diesem Preis ins All befördern.
Dieser technologische Vorsprung führt dazu, dass Investoren bereit sind, ein massives „Plattform-Premium“ zu zahlen. Man kauft heute die Hoffnung auf die Infrastruktur-Monopole von morgen. Dabei spielt der „Elon-Faktor“ eine entscheidende Rolle. Wie schon bei Tesla wetten Anleger auf die Fähigkeit Musks, ganze Industrien im Alleingang umzukrempeln. Dass detaillierte Finanzzahlen für SpaceX schwer zu bekommen sind, scheint die Euphorie eher zu befeuern als zu bremsen – im Nebel der Exklusivität gedeihen die höchsten Träume.
Ein Wendepunkt für das globale Finanzsystem
Sollte der Börsengang zu diesen Konditionen gelingen, würde SpaceX sofort in die Riege der wertvollsten Unternehmen der Welt aufsteigen und Schwergewichte wie Amazon oder Alphabet herausfordern. Es wäre der ultimative Beweis dafür, dass die Wall Street bereit ist, reale physikalische Leistungen im Weltraum mit den Multiplikatoren der digitalen KI-Welt zu bewerten.
Doch das Risiko ist so hoch wie die Flugbahn einer Falcon 9. Kritiker warnen, dass die Stimmung und das Momentum jederzeit kippen könnten, wenn die ambitionierten Wachstumsziele von Starlink auch nur geringfügig verfehlt werden. SpaceX ist momentan eine Wette auf eine Zukunft, in der das All der wichtigste Wirtschaftsraum der Erde wird.
Der geplante Analystentag am 21. April wird zum Schicksalstag für diese Billionen-Theorie. Dort muss Musk beweisen, dass seine Raketen nicht nur Lasten tragen, sondern auch die Last einer fast beispiellosen Marktbewertung stützen können.
