In einer Rede, die das politische Gefüge Nordamerikas in seinen Grundfesten erschüttert, hat Kanadas Premierminister Mark Carney am Dienstag das Ende einer Ära verkündet. Mit einem Investitionsvolumen von umgerechnet rund 308 Milliarden Euro (über eine halbe Billion kanadische Dollar) bläst das Land zum massiven Aufrüstungsprogramm. „Die Welt hat sich verändert, also muss sich auch Kanada verändern“, so Carney. Es ist die Antwort eines Landes, das sich nicht länger auf die unberechenbare Gunst von US-Präsident Donald Trump verlassen will.

Jahrzehntelang war Kanadas Sicherheitsstrategie denkbar simpel: Man verließ sich auf die geografische Lage und das Schutzversprechen der USA. Doch Carney stellt nun klar, dass diese Bequemlichkeit zu einer „Verletzlichkeit“ geführt habe, die sich das Land nicht mehr leisten könne. Hinter den Kulissen in Ottawa wächst die Angst, dass die USA unter Trump nicht mehr als verlässlicher Partner, sondern als strategisches Risiko zu werten sind. Die neue Strategie ist daher mehr als nur ein Rüstungsprojekt – es ist eine Unabhängigkeitserklärung.
Dabei geht es Carney nicht nur um Panzer und Schiffe. Der Plan ist ein gigantisches Konjunkturprogramm, das 125.000 hochbezahlte Arbeitsplätze schaffen soll. Kanada will seine eigene Verteidigungsindustrie aus dem Boden stampfen, um im Falle eines Falles autark handeln zu können. Es ist der Versuch, den wirtschaftlichen Wohlstand und die nationale Souveränität in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung im Alleingang zu sichern.
Massive Aufrüstung zu Lande, zu Wasser und in der Luft markiert den Wendepunkt
Der Verteidigungsplan ist in zwei gewaltige Blöcke unterteilt. Rund 180 Milliarden kanadische Dollar fließen direkt in neue Beschaffungsmaßnahmen. Davon betroffen sind alle Teilstreitkräfte. Während das Land bisher oft auf US-Technik setzte – etwa beim umstrittenen F-35-Programm –, deutet nun vieles auf eine stärkere Kooperation mit europäischen Partnern und eigene Entwicklungen hin. Weitere 290 Milliarden Dollar sind für öffentliche Investitionen vorgesehen, die die militärische Infrastruktur in den nächsten zehn Jahren auf ein völlig neues Niveau heben sollen.
Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Arktis. In einer Zeit, in der das Eis schmilzt und Großmächte wie Russland und China ihre Ansprüche anmelden, kann sich Kanada keine Schwäche im Norden mehr erlauben. Die neue Strategie sieht vor, die Verteidigungsfähigkeit in dieser strategisch entscheidenden Region massiv auszubauen. „Wir nehmen das Schild aus dem Fenster“, hatte Carney bereits in Davos betont. Damit meint er: Kanada verlässt sich nicht mehr nur auf Verträge, sondern auf eigene Stärke.

Offener Schlagabtausch zwischen Carney und Trump gefährdet die nordamerikanische Stabilität
Der politische Zündstoff hinter diesem Aufrüstungsprogramm ist kaum zu übersehen. Mark Carney hat sich zu einer der lautesten internationalen Stimmen gegen Donald Trump entwickelt. Nach der Davos-Rede, in der er Trump einen „Bruch der Weltordnung“ vorwarf, legte er nun nach. Er bezog sich explizit auf die jüngsten Äußerungen des US-Außenministers Marco Rubio, der auf der Münchner Sicherheitskonferenz von einem „christlichen Nationalismus“ sprach.
Carneys Konter war scharf und präzise: „Der kanadische Nationalismus ist ein ziviler Nationalismus.“
Damit markiert der Premier eine tiefe ideologische Kluft zum südlichen Nachbarn. Während Rubio die westliche Zivilisation über Herkunft und Glauben definiert, pocht Carney auf eine pluralistische, vielfältige Gesellschaft. Dieser Wertekonflikt wird nun zur Grundlage einer neuen, harten Realpolitik. Kanada rüstet auf, weil es sich vor einer Ideologie schützen will, die es nicht teilt.
Trump reagierte auf seine gewohnt rabiate Weise via Truth Social und drohte bereits mit wirtschaftlichen Blockaden, unter anderem bei wichtigen Brückenprojekten an der Grenze. Doch Carney scheint entschlossen, den Preis für die Souveränität zu zahlen. Die Botschaft ist klar: Kanada gedeiht nicht wegen der USA, sondern trotz der aktuellen Spannungen.
Die Geburtsstunde einer neuen Mittelmacht im Norden des Kontinents
Mit dem 300-Milliarden-Euro-Paket katapultiert sich Kanada in den Kreis der militärischen Schwergewichte der G7. Es ist das Ende des „Trittbrettfahrer“-Images, das dem Land oft von US-Seite vorgeworfen wurde. Doch die Ironie der Geschichte ist offensichtlich: Ausgerechnet der Druck aus Washington hat Kanada dazu getrieben, jene Stärke aufzubauen, die die USA jahrelang gefordert haben – nun jedoch mit einer klaren Stoßrichtung gegen die US-Dominanz.
Die kanadische Industrie steht vor einem beispiellosen Boom. Unternehmen wie CAE oder Ballard Power könnten zu den großen Gewinnern dieser Neuausrichtung gehören. Wenn die Pläne aufgehen, wird Kanada 2035 ein Land sein, das seine Energie, seine Rohstoffe und seine Sicherheit aus eigener Kraft garantiert. „Nostalgie ist keine Strategie“, so Carneys Credo. Er wartet nicht auf die Rückkehr der alten Weltordnung, er baut eine neue.



