Der Goldrausch der Künstlichen Intelligenz stößt an seine physischen Grenzen. Wer glaubt, dass Software-Modelle allein über die Zukunft der Weltwirtschaft entscheiden, irrt gewaltig. In den gläsernen Palästen von San Francisco wird längst eine härtere Währung gehandelt: Reine Rechenleistung. Matt Garman, der seit Mitte 2024 die Geschicke des Cloud-Giganten Amazon Web Services (AWS) lenkt, lässt keinen Zweifel daran, dass die Branche vor einer Wand steht. Die Nachfrage nach KI-Kapazitäten übersteigt das Angebot nicht nur geringfügig – sie sprengt das System.
„Es gibt mehr Nachfrage als Angebot“, konstatierte Garman nüchtern im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Seine Prognose ist ein Schock für alle Unternehmen, die auf eine schnelle und günstige Skalierung ihrer KI-Projekte gehofft hatten. Das Angebot werde „für die kommenden Jahre“ beschränkt bleiben. Es fehle an allem: Strom, Transistoren, Speicherchips. Die Welt könne schlichtweg nicht schneller liefern, als derzeit bestellt wird. Diese Mangelwirtschaft wird zum entscheidenden Flaschenhals einer gesamten Epoche.
Der Befreiungsschlag von OpenAI beendet Microsofts exklusive Herrschaft
Lange Zeit wirkte es so, als hätte Microsoft-Chef Satya Nadella den Markt für generative KI durch seine Allianz mit OpenAI-Schöpfer Sam Altman abgeriegelt. Doch die Mauern bröckeln. In einer überraschenden Wendung gab Garman bekannt, dass AWS-Kunden nun direkt auf die Sprachmodelle von OpenAI zugreifen können. Bisher verhinderte eine Exklusivitätsklausel zwischen Microsoft und OpenAI, dass die ChatGPT-Macher ihre Kapazitäten bei der Konkurrenz einkauften oder ihre Modelle dort nativ anboten.
Garman kommentiert diesen strategischen Rückzug des Erzrivalen mit einer giftigen Spitze. Microsoft habe wohl eingesehen, dass OpenAI nur durch eine Öffnung ungebremst wachsen könne. Dass Microsoft den Partner „freilassen“ musste, wertet man bei Amazon als klaren Punktsieg. Es ist das Ende der bilateralen Blockbildung im Silicon Valley. Für AWS, das im ersten Quartal 2026 mit einem Umsatzplus von 28 Prozent auf 37,6 Milliarden Dollar das schnellste Wachstum seit drei Jahren hinlegte, ist diese Öffnung die Bestätigung der eigenen Marktmacht.
Trotz der Euphorie über die neue Partnerschaft sitzt der Stachel der Vergangenheit tief. Amazon galt lange als der schlafende Riese, der den KI-Trend zunächst verschlief, während Microsoft und Google mit Milliardeninvestitionen davoneilten. Erst durch ein massives Investment in das Start-up Anthropic und dessen Modell „Claude“ konnte Amazon den Anschluss wiederherstellen. Doch der Preiskampf und das Werben um die besten Köpfe und Chips haben das Verhältnis zur Konkurrenz dauerhaft zerrüttet.
Google leidet unter fehlender Nachfrage bei den eigenen Gemini Modellen
Im Schlagabtausch der Cloud-Giganten spart Garman nicht an Spott für Google. Während das Start-up Anthropic derzeit eine „Verachtzigfachung“ des Umsatzes feiert und wegen massiver Überlastung sogar Nutzungslimits einführen musste, scheint es bei Googles hauseigenem Modell Gemini verdächtig ruhig zu sein. Dass Google keine Kapazitätsprobleme meldet, führt Garman nicht auf eine bessere Infrastruktur zurück, sondern auf mangelndes Kundeninteresse. Dort fehle schlichtweg die „explosive Nachfrage“, so sein vernichtendes Urteil.

Google-Cloud-Chef Thomas Kurian versucht indes, mit eigenen KI-Chips zu punkten, die er als leistungsfähiger als die Amazon-Alternativen anpreist. Doch Garman gibt sich unbeeindruckt. Er setzt auf eine Multimodell-Strategie. Amazon wolle von den Großen wie Anthropic und OpenAI lernen, um die eigene Architektur zu perfektionieren. Dabei fungiert Anthropic derzeit als Zugpferd, insbesondere im Bereich Coding, wo das Modell Claude als ungeschlagener Marktführer gilt.
Die finanzielle Dimension dieses Wettrüstens hat mittlerweile absurde Züge angenommen. Amazon hat seine geplanten Investitionen für das laufende Jahr 2026 auf astronomische 200 Milliarden Dollar hochgeschraubt. Google liegt mit 190 Milliarden Dollar nur knapp dahinter. Es ist ein Vernichtungswettbewerb der Bilanzen. Die Kosten für Speichermodule sind innerhalb eines Jahres um das Drei- bis Vierfache gestiegen. Dennoch verspricht Garman, die Preise für die Endkunden stabil zu halten – ein Versprechen, das angesichts der explodierenden Kostenbasis wie ein Drahtseilakt wirkt.
Ein heimlicher Chip Gigant könnte den Halbleitermarkt bald in Stücke reißen
Das wahre Ass im Ärmel von Amazon liegt jedoch nicht in der Cloud-Software, sondern in der Hardware. Was viele Marktbeobachter unterschätzen: Amazon entwickelt längst eigene KI-Chips namens Trainium und Serverprozessoren unter der Marke Graviton. Bisher werden diese Hochleistungskomponenten ausschließlich intern für AWS-Kunden genutzt. Doch Garman deutet eine Zeitenwende an. Sollte Amazon sich entscheiden, diese Chips direkt am freien Markt zu verkaufen, würde das Unternehmen über Nacht zum drittgrößten Halbleiterhersteller der Welt aufsteigen.
Mit einem geschätzten Umsatzpotenzial von 50 Milliarden Dollar wäre Amazon ein direkter und gefährlicher Konkurrent für den Branchenprimus Nvidia. Noch zögert der Konzern, diesen Schritt zu gehen, da die interne Nachfrage durch AWS-Kunden so gewaltig ist, dass man jedes produzierte Stück Silizium selbst benötigt. Doch die Drohung steht im Raum: Amazon ist bereit, die gesamte Wertschöpfungskette der Künstlichen Intelligenz zu kontrollieren – vom Stromanschluss im Rechenzentrum bis zum fertigen Sprachmodell.
Am Ende bleibt jedoch eine schmerzhafte Lücke in Garmans Erfolgsbericht. Apple, der langjährige Vorzeigekunde von AWS, hat sich für seine KI-Offensive bei Siri teilweise in die Arme von Google geflüchtet. Dass Apples sensible Datenverarbeitung künftig auch in Google-Rechenzentren laufen soll, ist ein Prestige-Verlust, den Garman nur schmallippig kommentiert. Apple sei weiterhin ein „großartiger Kunde“, doch die Exklusivität ist dahin. In der neuen Weltordnung des Silicon Valley gibt es keine ewigen Treueschwüre mehr, sondern nur noch den harten Kampf um das nächste Terabyte Rechenleistung.


