Der Goldrausch um die „Abnehmspritze“ erreicht eine neue Eskalationsstufe. Während die Pioniere Novo Nordisk und Eli Lilly mit ihren Blockbustern Wegovy und Zepbound den Markt fast im Alleingang beherrschen, rüstet die zweite Reihe der Pharmagiganten massiv auf.
AstraZeneca hat am Freitag den Vorhang für eine strategische Allianz mit CSPC Pharmaceutical gelüftet, die in ihrer finanziellen Dimension selbst Branchenkenner aufhorchen lässt. Für eine Vorauszahlung von 1,2 Milliarden US-Dollar erhält AstraZeneca die exklusiven Rechte außerhalb Chinas an einem Portfolio, das auf innovativen, langwirksamen Peptid-Therapien basiert.
Doch das ist nur der Einstieg: Sollten die Medikamente die klinischen Hürden nehmen und die Verkaufsziele erreichen, könnten insgesamt bis zu 18,5 Milliarden US-Dollar nach China fließen. Es ist ein Deal, der zeigt, wie entschlossen die Konkurrenz nach dem Anschluss an die Marktführer sucht.
Die Jagd nach dem nächsten Blockbuster
AstraZeneca kauft sich mit diesem Schritt wertvolle Zeit und Technologie ein. Der Fokus der Zusammenarbeit liegt zunächst auf acht Programmen, von denen eines bereits die ersten klinischen Tests durchläuft.

Das Ziel ist klar: Medikamente zu entwickeln, die nicht nur die Pfunde purzeln lassen, sondern durch die Technologie von CSPC seltener verabreicht werden müssen oder weniger Nebenwirkungen zeigen als die aktuelle Wirkstoffgeneration.
Der Markt für Adipositas-Therapien gilt als das lukrativste Feld der kommenden Dekade. Analysten schätzen das globale Potenzial auf weit über 100 Milliarden US-Dollar. Wer hier nicht vertreten ist, droht den Anschluss an die oberste Liga der Pharmawerte zu verlieren.
AstraZeneca-Chef Pascal Soriot untermauert mit dem Zukauf seine Strategie, den Konzern breiter aufzustellen und die Abhängigkeit vom Onkologie-Geschäft durch einen starken Fußabdruck im Bereich Stoffwechselerkrankungen zu ergänzen.
Ein Risiko-Deal mit chinesischer Handschrift
Der Deal ist jedoch nicht ohne Risiko. Während AstraZeneca in London ein leichtes Kursplus verbuchte, reagierten die Anleger in Hongkong skeptisch auf die Details. Die Aktie von CSPC Pharmaceutical brach zeitweise deutlich ein.
Marktbeobachter führen dies auf die hohen Erwartungen zurück, die nun auf den noch frühen Forschungsstadien lasten. Ein Großteil der Milliardenzahlungen ist an Meilensteine geknüpft, die erst in Jahren erreicht werden könnten – wenn überhaupt.
Zudem vertieft AstraZeneca mit diesem Schritt seine ohnehin starke Verbindung zum Forschungsstandort China. Erst kürzlich kündigte der Konzern an, massiv in der Volksrepublik investieren zu wollen.
In einer Zeit geopolitischer Spannungen ist diese enge Verzahnung ein zweischneidiges Schwert. Doch für Soriot scheint der technologische Vorsprung der chinesischen Biotech-Schmieden bei Peptid-Therapien und KI-gestützter Wirkstoffsuche schwerer zu wiegen als politische Bedenken.
Der Wettlauf der Giganten beschleunigt sich
AstraZeneca ist nicht allein auf dieser Einkaufstour. In den letzten Monaten haben nahezu alle großen Player ihre Claims abgesteckt. Pfizer sicherte sich den Spezialisten Metsera, Roche kaufte Carmot Therapeutics und schloss Partnerschaften mit Zealand Pharma.
Der Einstiegspreis für vielversprechende Wirkstoffkandidaten steigt fast monatlich. Mit dem CSPC-Deal positioniert sich AstraZeneca nun als ernsthafter Herausforderer. Der Konzern nutzt dabei seine bestehende Infrastruktur in China, um sich Zugriff auf Wirkstoffe zu sichern, bevor US-Wettbewerber zum Zuge kommen.
Für die Aktionäre bedeutet dies: AstraZeneca ist zurück im Rennen um die Adipositas-Krone, doch der Preis für diesen Platz am Tisch ist astronomisch hoch. Die Wette auf das chinesische Portfolio wird darüber entscheiden, ob der Konzern in fünf Jahren zu den Profiteuren oder zu den Getriebenen des Abnehm-Hypes gehört.


