Ein Konzern kehrt mit Wucht ins Zentrum des KI-Hypes zurück
Alphabet war monatelang das Sorgenkind der Tech-Investoren. Die Furcht, generative KI könne das Geschäftsmodell der Google-Suche untergraben, zog die Aktie nach unten. Sechs Monate später hat sich das Bild vollständig gedreht: +80 Prozent Kursgewinn, 3,8 Billionen Dollar Börsenwert, die Vier-Billionen-Marke in Sichtweite. In einem Markt, der Nvidia zum Maß aller Dinge erklärt hatte, überflügelt Alphabet inzwischen sogar den Halbleiterprimus beim Kursmomentum.
Das Comeback ist kein Zufall, sondern ein Stimmungsumschwung, der die veränderte Haltung der Anleger gegenüber Künstlicher Intelligenz präzise spiegelt.
Anleger unterscheiden wieder zwischen Versprechen und Substanz
Der KI-Hype hat seine erste Sortierphase hinter sich. Früher reichte das Label „KI“, um Kurse nach oben zu treiben. Heute zählt, wer reale Anwendungen baut – und wer die Investitionen tragen kann. Das zeigt der Vergleich, der die Alphabet-Rally überhaupt erst möglich machte.
Oracle etwa kündigte eine milliardenschwere KI-Offensive an. Der Markt applaudierte kurz, dann kamen die Zweifel: Reichen die Mittel? Wie belastbar sind die Pläne? Die Aktie fiel zurück auf ihr Ausgangsniveau. Bei Alphabet dagegen überzeugen die Zahlen. Der Konzern investiert allein in diesem Jahr bis zu 93 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur, Modelle und Anwendungen – und kann die Summe aus dem laufenden Geschäft bezahlen. Trotz des Investitionsschubs bleiben die freien Mittel höher als im Vorjahr.
Die Botschaft ist klar: Der Markt belohnt nicht mehr das Etikett, sondern die Fähigkeit, KI-Investitionen in konkrete Produkte, Services und Umsatzströme zu übersetzen. Alphabet gelingt das in fast jeder Sparte – von der Cloud über Gemini bis zu Waymo.
Die Wertschöpfungstiefe wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil
Alphabet verfolgt einen Ansatz, der im aktuellen KI-Zyklus selten geworden ist: Der Konzern deckt fast die gesamte Kette ab. Er entwickelt Modelle, baut Rechenzentren, betreibt sie im großen Stil – und liefert mit den eigenen Tensor-Processing-Units sogar die Spezialchips, die dort laufen.
Dass Google seine TPU-Reihe künftig breiter vermarkten will, hat der Aktie zusätzlichen Schub gegeben. Ein möglicher Meta-Deal genügte, um den Markt in Aufregung zu versetzen. Weil der Suchmaschinenkonzern damit offen den Chip-Weltmarktführer Nvidia angreift, entstand der Eindruck einer neuen Machtbalance. Nvidias eilige Erklärung, man bleibe weiterhin wichtig für Google, wirkte eher defensiv.

Für Anleger zählt die strategische Logik: Wer Modelle, Rechenzentren, Software und Hardware vereint, kann margenstarke Dienste aus einer Hand anbieten. Es sind nicht zwingend die Schaufelhersteller der KI-Goldgräberphase, die gewinnen – sondern jene, die Schaufeln entwerfen, fertigen, einsetzen und zu Produkten weiterverarbeiten.
Auch Champions können unterschätzt werden
Der dritte Treiber der Rally ist eine Erkenntnis, die eigentlich banal wirkt: Es war nie besonders wahrscheinlich, dass Alphabet vom KI-Zeitalter überrumpelt würde. Der Konzern hat das Internet groß gemacht, verfügt über eine der stärksten Forschungsorganisationen der Welt und investiert seit Jahren breit in Zukunftstechnologien. Viele Projekte sind experimentell, manche bleiben klein – doch die Breite schützt vor technologischen Sackgassen.
Anleger haben diese strukturelle Stärke eine Zeit lang ignoriert. Jetzt wird sie neu bepreist. Die Rally ist damit auch ein Eingeständnis des Marktes, dass Alphabet längerfristig unterschätzt wurde.
Der Trend ist stark – auch wenn Rücksetzer kommen werden
Nach einem Kursanstieg von 80 Prozent sind Korrekturen unvermeidlich. Doch kurzfristige Ausschläge ändern wenig am übergeordneten Bild. Mit einem erwarteten KGV von rund 31 ist Alphabet nicht billig bewertet, aber für einen Konzern mit klarer Wachstumslogik, hoher Profitabilität und strategischer Tiefe keineswegs ausgereizt. Es spricht viel dafür, dass Alphabet in seine Bewertung hineinwächst – wie so oft in den vergangenen zwei Jahrzehnten.
Die Dynamik der Aktie erzählt daher zweierlei: Der KI-Hype ist selektiver geworden. Und einer der größten Internetkonzerne der Welt hat gezeigt, dass er nicht zum Opfer eines Umbruchs wird, sondern zu dessen Gestalter.


