Die deutsche Lebensmittelüberwachung steht vor einem systemischen Kollaps. Verbraucher müssen sich auf ein drastisch sinkendes Schutzniveau einstellen, da den zuständigen Ämtern massiv Personal fehlt. Nach aktuellen Erhebungen sind bundesweit über 1500 Stellen für Lebensmittelkontrolleure unbesetzt.
Dies führt zu einer gefährlichen Lücke in der Überwachungskette. Der Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure Deutschlands (BVLK) warnt eindringlich davor, dass die vorgeschriebenen Plankontrollen in der Fläche nicht mehr geleistet werden können.
„Aktuell schaffen wir gerade mal die Hälfte der Plankontrollen“, so Maik Maschke, der Bundesvorsitzende des BVLK.
Ein dramatischer Personalmangel zwingt Behörden zur radikalen Priorisierung von Risikobereichen
Aufgrund der Ressourcenknappheit sind die Behörden gezwungen, eine strikte Triage durchzuführen. Der Fokus verengt sich notgedrungen auf Sektoren mit besonders hohem Gefährdungspotenzial. Dazu zählen primär die Verarbeitung von Frischfleisch sowie die Herstellung sensibler Produktgruppen wie Babynahrung.
Die dezentrale Struktur der Überwachung verschärft das Problem. Rund 2500 Kontrolleure verteilen sich auf etwa 430 kommunale Behörden. Ihr Aufgabenfeld ist dabei extrem breit gefächert: Es umfasst nicht nur Lebensmittelhersteller und Gastronomie, sondern auch Bedarfsgegenstände, Tabakwaren und Kosmetika.

Eine politische Reform senkte die Vorgaben massiv, doch die Realität unterläuft selbst diese Minima
Die Politik versuchte bereits Anfang 2021, dem Personalmangel durch eine Anpassung der Verwaltungsvorschriften (AVV Rüb) statistisch entgegenzuwirken. Durch diese Reform wurde die Frequenz der vorgeschriebenen Regelkontrollen pauschal um rund 40 Prozent gesenkt.
Die Konsequenzen für die Gastronomie sind spürbar. Betriebe, die früher bis zu viermal jährlich kontrolliert wurden, erhalten nun im Schnitt nur noch alle neun Monate einen behördlichen Besuch. Doch selbst diese reduzierten Zielvorgaben werden vielerorts verfehlt.
„Aus dem Ministerium heißt es nur, wir sollen uns auf die schwarzen Schafe konzentrieren. Aber wie will man die schwarzen Schafe finden, wenn man so viel weniger unterwegs sein kann“, so die Kritik des BVLK-Bundesvorsitzenden.
Veraltete Tarifstrukturen und leere Kommunalkassen verhindern eine nachhaltige Lösung der Krise
Die Ursachenanalyse zeigt strukturelle Defizite im öffentlichen Dienst. Die tarifliche Eingruppierung der Kontrolleure im TVöD wurde seit über 40 Jahren nicht angepasst, was den Beruf im Wettbewerb um Fachkräfte unattraktiv macht.
Zusätzlich blockiert die prekäre Haushaltslage vieler Kommunen notwendige Neueinstellungen. Dies führt zu dem paradoxen Zustand, dass qualifiziertes Personal zwar ausgebildet, aber aus Kostengründen nicht in den aktiven Dienst übernommen wird.

